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Kolumne

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Mister Bootblack ist Philosoph mit eigener Meinung. Sein Geld verdient er als Schuhputzer. Für die GDS schreibt er alle 14 Tage über Schuhe. Und über deren Träger.

Der Mann muss Engländer gewesen sein. Er machte ein Foto von meinem Stand von der anderen Straßenseite aus, so dass ich nicht mit ihm reden konnte aber er nickte mir freundlich zu, halb fragend, so dass ich hätte abwinken können, wenn ich es nicht gewollt hätte. Aber was sollte ich dagegen haben? Ich habe keine Ahnung, ob man das überhaupt endgültig herausfinden kann, aber ich bin mir sicher und deshalb behaupte ich es einfach: Ich lebe und arbeite am meistfotografierten Ort der Welt – in New York City. Es ist die eine Stadt, die unser Bild aller Cities prägt. Auch das glaube ich nur, aber so ist es bei mir und jedem, den ich je gesprochen habe. Und ich komme ja nicht von hier. Ich komme ursprünglich aus einem Kaff in Georgia. Ich hatte den Blick von außen. Ich habe mir die City erarbeitet. Jetzt ist es meine Stadt – aber wer sagt das nicht über New York? Wer hat nicht sein Bild? Und wer hat nicht eine Million Fotos gesehen? Oder sogar gemacht?

Das Lustige ist: Die Fotos sind fast alle grau. Der Blick auf die Stadt ist ein Blick auf die Wolkenkratzer. Zumindest der Blick von außen. Für den New Yorker, der hier jeden Tag zu Fuß durch die Straßen geht, hat die Stadt eine ganz andere Farbe. Viele andere Farben. Die Stadt ist bunt, hier im Erdgeschoss, auf dem Boden. Die Schaufenster, die Lichter, die Läden, die Menschen. Unten ist es bunt. Und ich liebe das genau wie ich Frauen in schwarzen Kleidern liebe, die rote Schuhe dazu tragen. Und grüne zu grau. Orangefarbene zu blau. Und Männer natürlich, die es wagen, zumindest einmal ein aufregenderes helles Braun auszuwählen oder gar eine wirklich spannende Farbe. Schuhe müssen nicht schwarz, dunkelbraun oder Sneakers sein, selbst zum Anzug nicht. Im Gegenteil: Ein Teil sollte auch bei Männern aus jedem Outfit herausstechen, und wenn es nicht die Krawatte oder ein Einstecktuch sind, warum dann nicht die Schuhe?

Der Engländer mit der Kamera, wegen dem ich darauf komme, sah nicht aus wie ein Tourist. Jenseits der Kamera sah er aus, als könnte er gleich in ein Architektenbüro zur Arbeit gehen. Er trug einen grauen Anzug, wenn auch nicht besonders formal, einen schwarzen Mantel und, so komme ich darauf, schwere Brogues in einem rötlichen Leder. Wunderschön. Mutig. Ein Statement, aber eines, das man hier selten sieht. Sehr europäisch, glaube ich. Und dann hat er gelächelt und zum Abschied gewunken. Selbst über die Straße konnte ich sehen, dass seine Zähne britisch waren. Sehr britisch. Sehr lustig. Dann ging er weiter mit seinen Schuhen, dem Farbfleck da unten, sehr schön – wie die City.

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