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Ein Portrait über Joachim Gabor

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„Ich will nicht viel – nur das Beste. Und das, so wirtschaftlich wie möglich." So brachte Joachim Gabor, Mitbegründer und zuletzt Ehrenaufsichtsrat der Gabor Shoes AG in Rosenheim seine Firmenpolitik auf den Punkt.
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„Ich will nicht viel – nur das Beste. Und das, so wirtschaftlich wie möglich." So brachte Joachim Gabor, Mitbegründer und zuletzt Ehrenaufsichtsrat der Gabor Shoes AG in Rosenheim seine Firmenpolitik auf den Punkt.

1949: Das erste Firmenschild

1949: Das erste Firmenschild

1951 gelang der Durchbruch. Die Nachfrage nach den Gabor-Californias war enorm und Schuhhändler boten Vorkasse, um sich eine Lieferung zu sichern.

1951 gelang der Durchbruch. Die Nachfrage nach den Gabor-Californias war enorm und Schuhhändler boten Vorkasse, um sich eine Lieferung zu sichern.

1952 baute Gabor die erste eigene Fabrik in Barmstedt, der Außendienst wurde erweitert. Bald darauf wurden weitere Produktionsstätten im In- und Ausland errichtet.

1952 baute Gabor die erste eigene Fabrik in Barmstedt, der Außendienst wurde erweitert. Bald darauf wurden weitere Produktionsstätten im In- und Ausland errichtet.

1970: Gabor beschäftigt 1.700 Mitarbeiter, produziert 18.000 Schuhe am Tag und beliefert über 5.000 Schuhfachgeschäfte in ganz Europa.

1970: Gabor beschäftigt 1.700 Mitarbeiter, produziert 18.000 Schuhe am Tag und beliefert über 5.000 Schuhfachgeschäfte in ganz Europa.

2001 sicherte Joachim Gabor die Lizenzrechte für Camel Active Footwear. Gabor fasste damit Fuß als Herrenschuhanbieter.

2001 sicherte Joachim Gabor die Lizenzrechte für Camel Active Footwear. Gabor fasste damit Fuß als Herrenschuhanbieter.
 

Ein Portrait über Joachim Gabor

Ich will nicht viel – nur das Beste

Er zerlegte Maschinen und schmuggelte sie über die grüne Grenze in den Westen, tauschte die goldene Uhr seines Vaters gegen die erste Nähmaschine, fertigte Jedermann-Schuhe aus streng rationiertem Leder und betrieb Akquise per Fahrrad – Joachim Gabor fing 1949 gemeinsam mit seinem Bruder Bernhard ganz klein an und baute ein Unternehmen auf, das heute weltweit über neun Millionen Paar Schuhe pro Jahr verkauft. Er zählt zu den großen, unvergesslichen Persönlichkeiten der Schuhbranche.

„Ich will nicht viel – nur das Beste. Und das, so wirtschaftlich wie möglich." So  brachte Joachim Gabor, Mitbegründer und zuletzt Ehrenaufsichtsrat der Gabor Shoes AG in Rosenheim seine Firmenpolitik auf den Punkt. Damit hat er viel geschafft: Heute setzt das Haus ca. 400 Millionen Euro um, beschäftigt 3.300 Mitarbeiter und beliefert über 5.000 Kunden in 60 Ländern mit modischen Schuhkollektionen. Im vergangenen Jahr verstarb der erfolgreiche Unternehmer im Alter von 84 Jahren.

Joachim Gabor hat selbst nicht viel über sich erzählt. Er war kein Mann, der gerne von sich reden machte. "Schuhmacher seit 1949" stand an seinem Büro, mehr nicht. Wollte er trotz seines beeindruckenden Lebens tatsächlich so wahrgenommen werden? Oder sollte das bescheidene Statement vielleicht auch dafür sorgen, dass die Anfänge nicht in Vergessenheit gerieten?

Die Gabor-Geschichte startet in einer harten Zeit, mit einem Jugendlichen, der mit 16 Jahren seine Heimat verlassen musste, der den 2. Weltkrieg mit allen Entbehrungen, die Kriegsgefangenschaft und die Nachkriegszeit miterlebt hat. Die Historie wird heute mitunter als schöne Anekdote wiedergegeben, unter Umständen auch, weil zum Glück alles gut ging. Doch damals begab sich Joachim Gabor in ein gefährliches Abenteuer, das großen Mut erforderte und ihn für sein ganzes Leben geprägt haben dürfte.

Schmuggeln und Tauschen

Joachim Gabor stammte aus einer Schusterfamilie aus Groß-Strehlitz in Oberschlesien. 1945, in den letzten Kriegsmonaten, floh er mit seinen Brüdern ins thüringische Saalfeld. Seine Eltern blieben zurück und wurden Opfer des Kriegs. Zunächst arbeitete Joachim in einer Saalfelder Schuhfabrik, an der sein Bruder Bernhard beteiligt war. Als dem Betrieb 1949 die Verstaatlichung drohte, zerlegten die Gabor-Brüder die Maschinen in Einzelteile und schmuggelten sie in Rucksäcken über die grüne Grenze in den Westen.

Für Joachim Gabor muss es sehr schwer gewesen sein, das wertvolle Andenken aus der Hand zu geben, aber er tauschte die goldene Sprungdeckeluhr seines Vaters gegen eine Singer 34 Nähmaschine ein. So konnte am 1. Februar 1949 die B. & J. Gabor Damenschuhfabrik in Barmstedt bei Hamburg mit der Produktion von Jedermann-Schuhen starten.

Der Name sagt alles: Jedermann-Schuhe hießen die simplen Einheitsschuhe der Nachkriegszeit. Für die Herstellung wurde dem Unternehmen Leder aus dem Marshall-Plan zugeteilt. Verkauft bzw. getauscht wurden die Schuhe mal gegen D-Mark, mal gegen Wurst und Schinken. Es ging für alle ums Überleben und so wurde das was reinkam selbstverständlich mit den Mitarbeitern geteilt.

Die Spürnase

Der wirtschaftliche Aufschwung ließ Westdeutschland durchatmen, der Wunsch nach Individualität wuchs und Jedermann-Schuhe passten nicht mehr zum wiedergewonnenen Selbstwertgefühl. Neues musste her und die Gabors stellten sich darauf ein: Während einer USA-Reise entdeckte Bernhard Gabor die California Machart und brachte sie nach Deutschland. Mit ihr ließen sich Schuhe mit relativ geringem maschinellen Aufwand herstellen.

Joachim Gabor übernahm den kreativen Part der Arbeit, darin lag seine ganze Leidenschaft. Berühmt war sein Instinkt für verkaufsstarke Mode, dem er den Spitznamen "Spürnase" verdankte. Er kannte auch später noch alle Modelle einer Kollektion. Kein Schuh ging ohne seine Kontrolle und sein zustimmendes Nicken in Produktion. Mit dem markigen Statement "good Design is good Business" begründete er kurz und knapp die Wichtigkeit seiner Nähe zu Entwurf und Entwicklung.

Heute, in Zeiten von Überfluss und rasanten Business-Start-Ups dank finanzstarker Investoren ist es unvorstellbar: Am Anfang "bereiste" Joachim Gabor die Händler in der Umgebung per Fahrrad. 1951 gelang der Durchbruch. Die Nachfrage nach den Gabor-Californias war enorm und Schuhhändler boten Vorkasse, um sich eine Lieferung zu sichern. 1952 baute Gabor die erste eigene Fabrik in Barmstedt, der Außendienst wurde erweitert. Bald darauf wurden weitere Produktionsstätten im In- und Ausland errichtet.

Schon früh begann Gabor auch im Ausland neue Märkte zu erschließen. Zunächst beschränkte sich das Haus auf Österreich und die Schweiz, dann folgten Skandinavien und Benelux, später Großbritannien, Russland, die USA, Asien und Osteuropa.

Schuhe für Millionen

1966 verlegte das Unternehmen den Hauptsitz nach Rosenheim in Bayern. 63 Barmstedter Familien folgten und bezogen die im Vorfeld errichteten Werkswohnungen in der oberbayerischen Stadt. Im gleichen Jahr verstarb der Mitbegründer Bernhard. Joachim Gabor führte das Unternehmen von nun an alleine. Er verstärkte die modische Ausrichtung der Kollektionen, bot Schuhe für unterschiedliche Anlässe, Altersgruppen und Passformbedürfnisse. Dabei mussten sie bezahlbar bleiben. „Wir machen Schuhe für Millionen, nicht für Millionäre“ lautete sein Credo. Dem Motto "Qualität bleibt im Gedächtnis, wenn der Preis längst vergessen ist" blieb er dabei dennoch immer treu.

2001 sicherte Joachim Gabor die Lizenzrechte für Camel Active Footwear. Gabor fasste damit Fuß als Herrenschuhanbieter. Später wurden Lizenzen für Gabor Handtaschen, Schuhpflege, Kinderschuhe und Hausschuhe vergeben.

Joachim Gabor baute 14 Fabriken. Die Fertigungsbetriebe in Rosenheim, im portugiesischen Silveiros und in Banovce in der Slowakei liefern auch heute noch den überwiegenden Teil der Gabor Schuhe. Technische Innovationen waren bei der Produktion immer eine Selbstverständlichkeit. So zählt das Haus weltweit zu den ersten Schuhherstellern, die 3D-CAD-Systeme eingeführt haben. Penibel war Joachim Gabor in Sachen Reinlichkeit: „Kreativität besteht zur Hälfte immer auch aus Ordnung" war einer seiner prominentesten Leitsätze und egal, um welche Niederlassung es sich handelte, immer und überall war es aufgeräumt und sauber.

Der Schuhmacher aus Leidenschaft

Laut Unternehmen genießt heute der Name Gabor in Deutschland einen Bekanntheitsgrad von 85 Prozent. 2013 lag der Umsatz bei 396 Millionen Euro. Die Gabor Shoes AG wird als Familienunternehmen geführt. 2005 übergab Joachim Gabor die Leitung an seinen Sohn Achim.

Im Laufe seines Lebens erhielt Joachim Gabor viele Auszeichnungen, er ist Träger der Verdienstmedaille der Stadt Rosenheim, des Ehrenzeichens der Republik Österreich, des Ehrenmantels des Consorzio Nazionale Santi Crispin e Crispinian (Italien), der bayerischen Staatsmedaille und des Verdienstkreuzes am Bande der Bundesrepublik Deutschland: wohlverdiente Ehre für den "Schuhmacher aus Leidenschaft".

Zur Website von Gabor


Text: Özlem Agildere
Fotos: Gabor