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Schuhe mit Flügeln

Kolumne

Schuhe mit Flügeln

Mister Bootblack ist Philosoph mit eigener Meinung. Sein Geld verdient er als Schuhputzer. Für die GDS schreibt er alle 14 Tage über Schuhe. Und über deren Träger.

Joe hatte immer schwarze Budapester an, Sommer und Winter, und so, wie ich Joe kannte, waren sie aus Budapest. Er kam jeden Tag an meinen Stand, als ich noch an der Metro-Station Wall Street stand, und als er noch jeden Tag zur Wall Street fuhr und genug Geld für Schuhe aus Pferdeleder verdiente. Für drei identische Paare, denn er war zum Glück nicht so verrückt, jeden Tag dieselben Schuhe zu tragen. Das hätte ich ihm auch abgewöhnt. Aber dann kam Lehman, und Joe verschwand ein paar Wochen vor mir. Ich habe mich da länger gehalten als viele meiner Kunden. Und um die Wahrheit zu sagen: Ich hätte nicht einmal gehen müssen. Diejenigen, die noch da waren, haben Wert darauf gelegt, dass sich für sie nichts geändert hatte. Sie haben den Schein gewahrt, und die meisten offensichtlich auch die Scheine. Ihre Schuhe mussten weiter glänzen, und davon lebe ich. Es mussten also nicht alle Opfer bringen. Aber Joe und ein paar seiner Freunde schon.

Ich bin umgezogen zur Grand Central Station, weil ich irgendwann einmal beschlossen hatte, mein Leben nicht damit zu verbringen, auf die schwarzen Flecken zu blicken. Das Leben ist ein Wunder, und sich darin zu verbeißen, dass es nicht perfekt ist, ist als suche man bei einer Fee nach Cellulite – nicht nur unhöflich, sondern auch dumm. Denn irgendwas findet man immer, wenn man nur ausdauernd genug sucht. Ich wollte weg von der Wall Street, nicht weil die Kurse nach unten sackten, sondern mit ihnen die Mundwinkel. Und das ist nicht meine Welt. Strahlende Schuhe sind für mich nur ein Anfang.

Im ersten Moment hätte ich Joe fast nicht erkannt, als er in der Grand Central vor mir stand. Er sah ganz anders aus. Er trug keine Budapester, er trug Stiefel aus Wildleder.

"Guten Morgen, Mister Bootblack", sagte er, und ich sagte "Joe", genau so, wie ich es immer gesagt habe, so als wäre nichts passiert: „… nicht viel, was ich für Sie tun kann. Wenn Wildleder glänzt, dann ist es hoffentlich noch auf dem Rücken eines Mustangs." Er grinste. Dann nickte er. "Die Zeiten sind vorbei", sagte er, und für einen Moment klang er traurig dabei. "Joe", sagte ich, "es sind immer irgendwelche Zeiten vorbei. Wenn es nicht so wäre, gäbe es niemals neue."

Er dachte darüber nach, und dann lächelte er. "Und so muss man nicht sein Leben lang in den gleichen Schuhen herumlaufen?" Er hatte verstanden. "Du kannst deine Schuhe wechseln, Joe", sagte ich, "und wahrscheinlich muss man sogar hin und wieder die Schuhe wechseln. Nur auf eine Sache muss man achten." "Dass sie sauber sind!" "Nein", sagte ich. "Das ist eine Frage des Stils. Aber wichtig ist etwas anderes. An den Schuhen, in denen du gehst, zählt immer nur, dass es deine eigenen sind."

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