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Coole Sneakers

Coole Sneakers

Mister Bootblack ist Philosoph mit eigener Meinung. Sein Geld verdient er als Schuhputzer. Für die GDS schreibt er alle 14 Tage über Schuhe. Und über deren Träger.

Josė ist einer der ersten, die an meinem Stand vorbeikommen, morgens früh. Die Stadt schläft nie, aber manchmal ist sie ein bisschen langsamer, kurz bevor der Sturm kommt, und wir auf der Straße kennen den Rhythmus. Wir leben von ihm, und Josė in seinen Sneakers kommt vor denen, die echte Schuhe anhaben, die man polieren kann. "Und, Junge", frage ich ihn jeden Morgen um Viertel vor sechs Uhr, "schon wieder auf dem Weg zum Sport?" Dann lacht er, weil er auf dem Weg ins Büro ist, und er weiß, dass ich finde, JFK war der Höhepunkt – seitdem ist lockerer Stil bei Männern immer weniger elegant geworden. Ich weiß, dass moderne Männer in Turnzeug zur Arbeit gehen, auch wenn sie nicht für die Knicks Basketball spielen, sondern irgendetwas an einem Computer tun. Aber nur, weil ich das weiß, muss ich es nicht mögen.
Josė ist einer von uns, auch wenn er längst nicht mehr auf dem Times Square Zeitungen verkauft wie damals, als er ein Junge war und die New York Times wirklich noch hier saß. So lange kenne ich ihn schon, und wahrscheinlich habe ich keinen Menschen häufiger gesehen als Josė. Heute ist er Redakteur bei einer der Internetseiten der Grey Lady, und er erzählt mir, sie sei immer noch die beste Zeitung der Welt – und trotzdem fast pleite. "Bootblack", sagt er dann, "du hast es richtig gemacht. Deinen Job kann man nicht nach Bangalore outsourcen und übers Netz erledigen. Vielleicht ist dein unterfordertes Hirn doch mal zu etwas nütze gewesen." Ich zeige auf seine Turnschuhe und sage: "Mich schafft nicht die Technik ab, sondern die Mode."

Josė setzt sich für ein paar Minuten auf den zweiten Sitz, als wäre er ein Kunde, und er ist mir mein liebster, wenn ich darüber nachdenke, obwohl er keine Arbeit für mich hat, nur hin und wieder eine Zigarre, wenn er zu Besuch war bei seinen Verwandten in der Dominikanischen Republik. Er erzählt mir die Schlagzeilen, wie damals, als er sie noch ausgerufen hat. Schon da war er die Verbindung zwischen der Welt in meinem Kopf und all dem Geschehen da draussen auf dem großen Planeten. Auch die Verbindung zwischen gestern und morgen. Er erzählt mir, wie die Lage in Nordkorea ist und von neuen Telefonen, die dir sagen können, wie das Wetter wird und die heißen wie Obst. Schlagzeilen sind immer heute, morgen sind sie schon egal, das mag ich. "Bootblack", sagt Josė, "ein Mann, der so sehr im Jetzt lebt wie du, muss doch eigentlich die Mode lieben!" Da muss ich lächeln. "Gut", sage ich, "ist was man daraus macht. Es reicht nicht, online zu gehen, weil es modern ist. Man muss online die beste Zeitung der Welt machen wollen." Er nickt. "Aber, hey", sage ich, "coole Sneakers!"