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Fußnoten

Kolumne

Fußnoten

Mister Bootblack ist Philosoph mit eigener Meinung. Sein Geld verdient er als Schuhputzer. Für die GDS schreibt er alle 14 Tage über Schuhe. Und über deren Träger.

Manuel kommt immer mit der Sonne. Nach den Blizzards der letzten Wochen war er dauernd da, auch sonst kommt er nur, wenn Matsch und Wasser auf der Straße sind. „Manolo“, sage ich ihm jedes Mal, „wann hat Noah die Arche gebaut?“ Und er grinst schief, bevor er sagt „Ich weiß, ich weiß, Bootblack – vor dem Regen. Vor dem Regen.“ Und das ist genau der Moment, wenn Schuhe Pflege brauchen. Aber um ganz ehrlich zu sein: Bei Manuels Schuhen ist das eigentlich egal. Er kauft die billigsten, die noch aussehen, als wären sie es nicht. Ich muss lachen, wenn ich seine Schuhe nur anfasse. „Bootblack, du bist ein Snob“, sagt er dann, und ich antworte, „du hast das Wesen der Welt nicht verstanden, Manuel, und deshalb verstehst du auch Schuhe nicht.“ Normalerweise nickt er dann nur nachsichtig, so als wäre er nur still, um mich nicht zu provozieren ihm einen Vortrag zu halten.

Er hat nie nachgefragt, bis heute Vormittag. Da strahlte er schon von weitem mit der Sonne um die Wette, die drüben schon hoch über Brooklyn stand. Er ist viel zu spät dran für den Workaholic, der er ist. „Da muss eine Frau dran Schuld sein“, sage ich, als er sich auf meinen Kundenstuhl setzt, und er grinst weiter, aber er sagt nur, „Bootblack, du verstehst etwas davon, sag du es mir: Warum zahlen Frauen tausend Dollar für ein Paar Riemchensandalen, wenn der richtige Name draufsteht?“

In diesem Moment war mir klar, dass der Augenblick gekommen ist, um mit Manuel über das Leben zu sprechen. „Es ist ein Unterschied, ob du deiner Frau treu bist – oder ob sie es nur von dir denkt. Und es ist ein riesiger Unterschied, ob man ein Kunstwerk von einem Künstler kauft, oder nur eine exakte Kopie. Sie betrachtet die Schuhe als Kunstwerk, Manolo“, sage ich, „und die Entscheidung ist, ob man ein Kunstwerk in seinem Leben möchte, oder ein Stück Dekoration.“ Er denkt tatsächlich darüber nach, erstaunlich lange für den schlagfertigen Anwalt, der er ist. Dann sieht er mich an. „Bootblack“, sagt er, „du bist der Tod für all die Typen im Village, die gefälschte Rolex-Uhren verkaufen.“ Und das wäre ich gerne. „Das gleiche Spiel“, sage ich, „das gleiche Spiel: Ein echter Mann braucht keine Rolex. Aber wenn er eine kauft, dann nur deshalb, weil er dem Handwerk Respekt zollen will. Und was für ein Respekt soll das sein, wenn ich behaupte, es ginge auch ohne die Arbeit? Ohne die Gedanken? Ohne die Inspiration?“

Er steht auf und findet sich mit dem Gedanken ab, dass er einen teuren Tag vor sich hat. „Also gehe ich jetzt und gebe tausend Dollar für ein Paar Schuhe aus“, sagt er, „weil Doktor Bootblack es verschreibt.“ „Mach es, wenn es von Herzen kommt“, sage ich, „dann steht auf allen Schuhen Manolo drauf.“

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