Sie befinden sich hier: Startseite. News. Kolumne.
Die unsterbliche Sohle
Kolumne
Die unsterbliche Sohle
Mister Bootblack ist Philosoph mit eigener Meinung. Sein Geld verdient er als Schuhputzer. Für die GDS schreibt er alle 14 Tage über Schuhe. Und über deren Träger.
Ich hatte den Mann noch nie gesehen, und das sah man seinen Schuhen an. „Sir“, sagte ich, „das ist ein gutes Paar Schuhe aus gutem Leder, das sie da tragen.“ Er nickte mich an, freundlich, aber uninteressiert. Ich fuhr fort: „Aber wenn Sie weiterhin nichts für sie tun als nur mit der elektrischen Drehbürste im Hotel den Dreck in die Nähte zu reiben, dann werden sie Ihnen schon relativ bald von den Füßen brechen.“ Er sah auf seine Schuhe, und ich zeigte ihm die tiefe, trockene Falte im Leder, da wo sich die Spitze über dem Spann beim Gehen biegt. Er zupfte sich am Vollbart. Ein sehr angenehmes Gesicht. Und ganz ruhig. „Leder“, sagte er, „schon ein komisches Material.“
„Das beste“, sage ich.
Er zupft weiter an seinem Bart, wie ein zerstreuter Professor, und er sieht seine Schuhe an, als würde er sie zum ersten Mal bemerken. Dass es das erste Mal war, dass er über sie nachdachte, war eindeutig. Dann kam er zu einer Erkenntnis: „Ganz vermeiden lässt sich der Dreck nicht.“ Ich muss lachen. „Nein, Sir“, sage ich, „man kann sich im Leben nicht davor verstecken, dass man dreckig wird. Keine Frage. Aber es gibt drei Dinge, die man tun kann.“ Plötzlich sieht er mich mit einer Energie an, die ich ihm gar nicht mehr zugetraut hätte. Sehr wach. Voll konzentriert. „Ja?“, fragt er. Seine plötzliche Aufmerksamkeit lässt mich dann doch zögern. Nennt es Eitelkeit, aber man will auch nicht blöd aussehen vor jemandem, den man gar nicht kennt. „Man wird dreckig im Leben“, sage ich, „und man muss zusehen, dass man wieder sauber wird.“ Er nickt. Okay. „Und wenn man sauber ist, muss man zusehen, dass man auch wieder trocken wird.“ Er sieht mich fragend an, und ich sage ihm, dass Schuhe nicht auf die Heizung gehören, sondern bei Zimmertemperatur trocknen müssen, auf dem Schuhspanner, und zwar nach jedem Tragen. „Sie haben hoffentlich ein zweites Paar, für die Tage dazwischen?“, frage ich ihn, aber dazu sagt er nichts. Er fragt: „Und drittens?“
„Zum dritten sollten Sie sich vorbereiten auf das nächste Mal, wenn sie wieder dreckig werden. Und sie werden dreckig werden. Halten Sie das Leder geschmeidig.“ Jetzt blickt er auf die Tuben in der Holzbox, die neben meinem Platz steht, seitdem Clinton zum ersten Mal ins Weiße Haus eingezogen ist. Sie war mein Geschenk für mich selbst damals, zum Feiertag.
Der Professor nickt. „Wissen Sie“, sagt er, „im Prinzip machen wir beide in unseren Berufen genau das gleiche.“ Er sieht die Frage in meinem Gesicht. Und lacht. „Wir sind in New York City“, sagt er, „ich trage eine Brille und einen Bart. Was soll ich schon machen?“
„Ich nehme an, Sie sind Psychoanalytiker, Sir?“ Er nickt. „Fast“, sagt er, „Psychotherapeut.“
„Dann habe ich noch einen Tipp für Sie“, sage ich, und zeige auf seine Schuhe, „einen, den Sie vielleicht auch gebrauchen können.“ Da ist sie wieder, diese fragende Anspannung des professionellen Zuhörers. „Lassen Sie eine Schutzsohle auf die Ledersohlen machen. Schuhe werden nur mit nackter Sohle verkauft, damit man sie sehen kann. Aber man muss sich nicht allen Naturgewalten schutzlos aussetzen.“
Er lächelt, als er aufsteht. „Könnte das erste Mal sein“, sagt er, „dass ich etwas mache, und erst hinterher darüber nachdenke.“ Mehr kann man nicht tun.








