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Frühling

Kolumne

Frühling

Mister Bootblack ist Philosoph mit eigener Meinung. Sein Geld verdient er als Schuhputzer. Für die GDS schreibt er alle 14 Tage über Schuhe. Und über deren Träger.

Wenn ich mich festlegen müsste, welches die beste Woche des ganzen Jahres ist, dann ist es die, in der die ersten Zehen zum Vorschein kommen. Ich nenne sie die Knospen der Stadt, obwohl sie manchmal eher Blüten sind – schließlich sieht man sie zuerst schön lackiert aus Peep Toe‘s lugen. Ich zumindest, was auch daran liegen kann, dass ich bei Männern nicht hingucke.

Keine der Frauen kommt zu mir, um ihre Schuhe putzen zu lassen. Natürlich nicht. Wir sind in Manhattan, die Frauen hier kaufen schon ab Januar die Schuhe der Frühjahrskollektionen und warten nur darauf, sie endlich ausführen zu können. Und für die, die damit etwas anfangen können: In diesem Frühjahr reden alle über die Pradas mit den bunten Riemchen, die offenbar schwerer zu kriegen sind als ein günstiges Appartement in der Upper East Side.

Die erste Frühlingswoche ist also keine gute Zeit zum Arbeiten für mich. Aber es ist die beste Woche des Jahres. Ich schlenderte einen ganzen Vormittag durch das Village, eigentlich nur, weil es bei Murray‘s Melts in der Bleecker Street das beste Eis der Stadt gibt, Van Leeuwen Eiskrem, handgemacht in Brooklyn, mit Sahne von Kühen, die von ihrer Weide aus praktisch die Freiheitsstatue sehen können. Lokal ist ein Zauberwort in Manhattan, dieser Insel im Hudson, genau wie Prada. Das hat etwas mit Umweltschutz zu tun, aber wahrscheinlich noch mehr mit dem Wunsch, alles ein bisschen einfacher zu haben. Die Leute erinnern sich, wie es früher war, als sie Kinder in der Provinz waren und barfuss durch Wiesen gelaufen sind, auf denen Kühe standen. Wie sie Sprünge gemacht haben anstatt Schritten. Wir alle erinnern uns. Ich mich auch, jedes Mal, wenn in der ersten warmen Frühlingswoche die ersten Zehen zu sehen sind. Ich sehe mir die Gesichter der Menschen an, die New-York-City-Mimik, die sagt, sie haben es alle ganz furchtbar eilig. Und dann denke ich, vielleicht wäre es ganz gut, wenn wir alle mal eine Woche barfuss laufen würden. Es würde uns erden. Aber auf der anderen Seite ist das der furchtbarste Gedanke, den man als Schuhputzer haben kann, das ist klar. Und trotzdem …

Schuhe sind ein Kompromiss. Man kann eben nicht jeden Tag barfuss laufen. Sie sind ein Kompromiss, so wie alles im Leben ein Kompromiss ist, wenn mehr als eine Person beteiligt ist. Die Arbeit. Die Politik. Die Menge an Eiskrem, die man isst. Für mich ist das in Ordnung. Ich bin ein ziemlich alter Mann, ich habe gelernt, dass man irgendwann aufhören muss zu glauben, man kriegte alles, was man sich wünscht – und anfangen muss sich zu wünschen, was man hat. Denn es gibt ein Schlupfloch. Es gibt eine Art, jeden Kompromiss zu einem Sieg zu machen. Es ist die schönste Art, mit der Welt umzugehen: Sie heißt Eleganz. Man kann vielleicht nicht jeden Tag barfuss gehen, aber wenn der Kompromiss aussieht wie diese Peep Toe‘s mit den bunten Riemchen, dann hat man dem Schicksal gezeigt, wie ein Cowboy aufs Pferd steigt – mit dem Kopf oben.

Und dann gibt es noch die Momente, in denen man sich ausklinkt und ganz einfach macht, was man will. Ich empfehle dafür einen warmen Frühlingstag im Village mit einer Kugel lokalem Pistazieneis. Da bin ich kompromisslos.


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