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Blumen und Autos

Kolumne

Blumen und Autos

Mister Bootblack ist Philosoph mit eigener Meinung. Sein Geld verdient er als Schuhputzer. Für die GDS schreibt er alle 14 Tage über Schuhe. Und über deren Träger.

Es gibt eigentlich nur zwei Dinge, in denen New York besonders schlecht ist: Blumen und Autos. Bei den Blumen ernte ich manchmal Widerspruch, wenn ich es sage, denn welche Großstadt ist schon gut mit Blumen? Aber glaubt mir: Ich bin in Georgia aufgewachsen, und ich muss gar nicht über die wilden Blumen an den Rändern der Feldwege sprechen, selbst gegen eine Stadt wie Atlanta steht New York noch schlecht da. Und bei den Autos ist es jedem klar: In dieser Stadt bedeuten sie nichts. Ein Statussymbol in Manhattan ist kein italienischer Sportwagen, sondern eine Limousine mit einem Fahrer, wobei es fast egal ist, wer die Limousine gebaut hat.

Insofern hatte ich wenig Mitleid mit Jorg, dem schwedischen Schauspieler, der mir von dem Elend mit seinen italienischen Driving Loafers erzählte – feinen, fast schon zarten Mokassins mit unzähligen Gumminoppen anstelle einer Sohle. „Guck dir meine Schuhe an, Bootblack“, sagt er erbost, „Wunderschön! Kunstwerke! Und nach drei Monaten ist das Gummi abgerieben bis ans Leder. Das ist doch keine Qualität.“

Wildleder ist nicht einfach zu putzen. In Wahrheit muss man versuchen, mit einer Bürste aus weichen Gummilamellen den trockenen Schmutz herauszureiben, ohne ihn noch weiter ins Leder hineinzureiben – und das war es. Alle weiteren Mittel richten meist genau so viel Schaden an, wie sie helfen, jedenfalls wenn der Schuh schon schmutzig ist. Wildleder tragen ist wie Blumen in die Vase stellen: Man muss sie sofort genießen, denn schöner werden sie nicht mehr. „Mister Jorg“, sage ich, „diese Schuhe sind dafür da, das Gaspedal eines alten Roadsters zu bedienen, nicht dafür, jeden Tag die halbe Fifth Avenue herunterzulaufen.“

Jorg wohnt oben am Park, schräg hinter dem Guggenheim Museum, und ich weiß, dass er gerne den Weg bis fast zum Times Square zu Fuß geht, wenn er die Zeit hat, und Schauspieler haben offenbar oft viel Zeit. Er nickt versonnen. Wahrscheinlich denkt er an einen MGB oder einen italienischen Spider, und wahrscheinlich ist das überhaupt erst der Grund, warum er diese Schuhe gekauft hat. So sind Menschen, sie kaufen Schuhe für Autos, die sie nicht haben, so wie sie Uhren kaufen für Abenteuer, von denen sie nur träumen. Und wenn sie Autos kaufen, dann solche mit Vierradantrieb, mit denen sie die Rocky Mountains abseits aller Straßen hinauffahren könnten, obwohl sie nie weiter darin fahren als nach Connecticut.

„Bootblack“, sagt er, „wahrscheinlich hast du recht. Ich sollte Schuhe kaufen, die zum Laufen gemacht sind. Aber …“ Es war ein großes „Aber“, gemessen an der inhaltsschwangeren Pause, die er einlegte. Er muss ein guter Schauspieler sein. „Aber ich liebe diese Schuhe!“ Ich musste grinsen. „Jorg“, sagte ich, „du verstehst mich ganz genau falsch. Was ich sagen will ist: Kauf dir die Schuhe, die du liebst, und genieße sie, so lange sie halten. Frauen kaufen Schuhe, die sie nur an ihrer Hochzeit tragen – ein einziges Mal.“
„Aber eine Hochzeit ist ein besonderer Tag!“
„Wer sagt denn, das heute kein besonderer Tag ist? Was morgen ist, weiß niemand. Was heute ist, kannst du selbst bestimmen.“
Er grinste zurück. „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst …“, fing er an. Und ich beendete den Satz: „Dann mach einen Plan!“ Ich nahm eine Blume aus der kleinen Vase, die von April bis Oktober auf meiner Kiste steht, und steckte sie ihm ins Knopfloch am Revers. „Sie hält höchstens bis heute Abend“, sagte ich, „aber sie wird machen, dass jeder lächelt, den du triffst.“

Er stand aus dem Stuhl auf und streckte sich. Dann blickte er sich um. „Es ist keine Stadt für Autos“, sagte er. Und ich nickte. „Aber es ist eine Stadt für besondere Tage. Das ist schon Mal was.“

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