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Löcher in den Schuhen
Kolumne
Löcher in den Schuhen
Mister Bootblack ist Philosoph mit eigener Meinung. Sein Geld verdient er als Schuhputzer. Für die GDS schreibt er alle 14 Tage über Schuhe. Und über deren Träger.
„Bootblack“, sagt er, „warum gibt es eigentlich Stilregeln, wenn sie am Ende keiner kennt?“ Martin kommt zu mir, seitdem er seinen ersten Job angetreten hat. Ich würde sagen, seit einem Jahr etwa. Er hatte sein erstes Paar ordentlicher Schuhe gekauft – Plain Oxfords –, und wir arbeiteten hart daran, dass sie nicht darunter litten, dass er sie jeden Tag tragen musste. Er hatte damals einfach kein zweites Paar, aber das änderte sich. Heute hat er drei: Ein Paar Full- und ein Paar Semi-Brogue-Derbys, alle schwarz, alle von Hand gefertigt, wenn auch nicht nach Maß, dafür muss er noch ein paar Stufen aufsteigen, was er meiner unmaßgeblichen Meinung nach tun wird, und er wird sein Geld weiter in gute stecken, das weiß ich, mit so etwas kenne ich mich aus. Er kommt aus einer dieser Familien, in denen zwar kein Geld da ist, aber wenn schon etwas gekauft wird, dann Qualität. Ich bin mir sicher, sein Vater hat auch nicht mehr als drei Paar Schuhe, aber alle drei halten seit mehr als 20 Jahren. Ich muss sagen, ich mag das.
„Bootblack“, sagt Martin, während ich die Creme in die Löcher der Verzierungen auf seiner Schuhspitze einarbeite, „vielleicht kannst du es mir erklären: Von den Partnern in meiner Firma weiß die Hälfte nicht, dass man abends keine Brogues trägt. Sie geben alle viel Geld für Schuhe aus. Tolle Schuhe! Und dann brechen sie allen Regeln.“ Ich nicke, weil ich weiß, dass es ihm tatsächlich viel bedeutet – die alten Traditionen des Stils für wahre Gentlemen. Wenn er auf die Löcher seiner Schuhe sieht, dann sieht er vor seinem inneren Auge die irischen Bauern, die vor hunderten von Jahren Löcher in ihre schweren Lederschuhe bohrten, damit sie auch von innen schnell trockneten. Daher stammen die Muster.
Natürlich hat Martin recht: Abends trägt man sie nicht, jedenfalls nicht in seinen Kreisen. Oder sagen wir: Man sollte nicht. Wer überhaupt jemals im Leben in die Situation kommt, einen Smoking tragen zu müssen oder gar zu wollen, der sollte genug Respekt vor den Traditionen haben, auch die Kleinigkeiten zu beachten. Brogues sind Sportschuhe. Sie haben über die englischen Golfplätze den Weg in die Innenstädte gefunden, aber für Abendgesellschaften sind sie eindeutig nicht gedacht. Wobei …
„Aber wahrscheinlich erwarte ich zu viel“, sagt Martin, und er klingt, als denke er einfach laut. Er wartet nicht auf eine Antwort, er redet einfach weiter. „In dieser Stadt hat niemand vor irgendwas Respekt, warum also ausgerechnet vor alten Traditionen?“ Ich bin mit seinen Schuhen fertig. „Der Prince of Wales“, sage ich, „trug auch abends Brogues.“ Er sieht mich mit leerem Blick ungläubig an. „Prince Charles?“ Ich schüttle den Kopf. „Der spätere König Edward der Achte. Der, der abgedankt hat, um die Liebe seines Lebens zu heiraten. Einer der bestangezogenen Männer aller Zeiten.“ Martin schüttelt den Kopf. „Aber warum?“
„Weil er wollte. Weil er seinen eigenen Stil hatte. Weil es egal ist, was ein Mann tut, so lange er vor sich selbst Respekt haben kann. Und er liebte Golf.“ Martin steht auf und gibt mir mein Geld. „Ich weiß nicht“, sagt er, „ob meine Chefs in die Kategorie fallen.“ Ich nicke ihm zu. „Möglicherweise nicht“, sage ich, „aber das ist nicht die Frage, die dich beschäftigen sollte. Die Frage ist doch: In welche Kategorie fällst du? Weißt du, man kann sich im Leben aussuchen, ob man Respekt verdient.“ Der Gedanke geht ihm durch den Kopf, man sieht ihn sich fast bewegen. Dann richtet er sich auf, ganz kerzengrade, und gibt mir die Hand. „Wieder ein Tag, um sein Bestes zu geben“, sagt er, und ich lächle. „Ja“, sage ich, „wieder ein neuer Tag.“








