Sie befinden sich hier: Startseite. News. Kolumne.
À la Mode
Kolumne
À la Mode
Mister Bootblack ist Philosoph mit eigener Meinung. Sein Geld verdient er als Schuhputzer. Für die GDS schreibt er alle 14 Tage über Schuhe. Und über deren Träger.
Wenn die Golfschuhe kommen, weiß ich, dass meine Kunden sich auf ihre Sommerhäuser vorbereiten. Es geht auf in die Hamptons, wo die Luft klar ist, die Polohemden sehr weiß und die Auffahrten zu den Golf- & Countryclubs lang genug für die Oldtimer, die man dort in den Garagen hat. So stelle ich es mir jedenfalls vor, ich selbst war noch nie dort. Aber so würde ich es machen, wenn ich es zum Milliardär gebracht hätte. Ich mag es klassisch. Für einen Mann aus dem Süden habe ich sehr viel New England in mir – und das ist ja eigentlich Altes England plus ein bisschen Amerika.
Es gibt Regeln, und auch das gefällt mir, denn spätestens seit den bunten Siebzigerjahren habe ich Probleme, der Mode zu folgen. Nicht der Mode der Frauen, die ist immer spannend gewesen, die ganze Zeit über. Aber die der Männer? Ich verstehe davon nichts.
Edwin ist ein alter Mann geworden, und an ihm kann ich sehen, wie alt ich selbst geworden bin, denn er war einer meiner ersten Kunden und ist nur ein Dutzend Jahre älter als ich. Er begann in der Madison Avenue in den Sechzigern, als Werbung noch ein aufregendes Geschäft war, und er wurde sehr reich, bevor er als ein Hohes Tier zu einem Fernsehsender ging. Es hat sich viel geändert in den Jahren, aber eins ist geblieben: seine Golfschuhe. Er hat sie irgendwann vor – mein Gott, das müssen weit mehr als 30 Jahre sein! – anfertigen lassen, schwarzweiße Full-Brogue Derbys mit einem Vorderblatt aus grobem Leder und, eigentlich, einer wunderbar verzierten Zunge mit Fransen, die in die Schuhbänder gebunden wird, um die Schnürsenkel vor dem nassen Gras zu schützen. Er hat in den Jahren immer wieder neue Zungen anfertigen lassen, während der Schuh nur ein paarmal aufgearbeitet wurde.
„Mit einer neuen, schneeweiße Zunge sieht der ganze Schuh aus wie neu“, sagte er immer. Aber diesmal kam er mit den Schuhen ohne die schützende, schmückende Zunge. Schwarzweiße Brogues, mit altmodischen Metallspikes natürlich – aber trotzdem erstaunlich unauffällig, so ohne ihr vielleicht herausstechendstes Merkmal. „Was ist mit ihren Schuhen passiert, Mister Edward“, fragte ich ihn, „ist der Schuhmacher unpässlich?“ Er wusste sofort, was ich meinte. „Die Zeiten ändern sich, Bootblack“, sagte er, „ich habe mir überlegt, das sieht vielleicht zu … feminin aus, mit den Fransen auf den Schuhen? Ich weiß doch auch nicht.“
Ich sah mir die wunderschönen alten Schuhe an, die er seit Jahrzehnten pflegte, und wenn man ehrlich ist wahrscheinlich auch nicht mehr als zehnmal im Jahr trug. Ich blickte ihn an, dann blickte ich mich um. Ein junger Mann ging vorbei, mit einer Armeejacke über einer Art Unterhemd, das machte, dass seine Brustmuskeln aussahen wie ein Dekolltee. Edwards Blick folgte meinem. „Die Signale von männlich und weiblich sind nicht mehr das, was sie einmal waren“, sagte er. Und ich nickte. Wir blickten auf die wiegenden Hüften, die er trotz der schweren Stiefel irgendwie schwerelos wirken ließ. „Es ist … „, begann Edward, „sein Gang …“
Ich nickte wieder. Dann sah ich ihn an. „Wir werden alt, Mister Edward.“ Er nickte zustimmend. „Vielleicht“, sagte er, „ist es jetzt auch zu spät, seinen Stil noch zu ändern.“ Ich schüttelte den Kopf. „Es ist nie zu spät, seinen Stil zu ändern, wenn man es will. Es war nur immer schon falsch, sich anzupassen.“








