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Formvollendet
Kolumne
Formvollendet
Mister Bootblack ist Philosoph mit eigener Meinung. Sein Geld verdient er als Schuhputzer. Für die GDS schreibt er alle 14 Tage über Schuhe. Und über deren Träger.
„Das Pik Ass“, sagt der Drummer, wie jedes Mal, „Bootblack, gib mir das Pik Ass!“ Ich suche im Stapel meiner Spielkarten das Pik Ass heraus und stecke es ihm als erste seitlich in die Schuhe (wir Schuhputzer benutzen Spielkarten, um die Strümpfe der Kunden vor der Schuhcreme zu schützen. Drei, vier Karten pro Bein). Aber der Drummer ist der Einzige meiner Kunden, der eine Lieblingskarte hat. Vielleicht ist er ein abergläubischer Spieler.
Die Hitzewelle hat uns im Griff. Sommer in New York können mörderisch sein, aber was kann in dieser Stadt schon nicht mörderisch sein? In den Betontälern staut sich die Hitze, manchmal bis auf 45 Grad, und wenn ich nicht dauernd die Stimme meines Vaters im Ohr hätte, würde ich wahrscheinlich auch rumlaufen wie die jungen Männer, die aussehen, als liefen sie in Badekleidung durch die Stadt. Aber gegen eine gute Erziehung ist eben kein Kraut gewachsen.
Selbst die Banker tragen im Sommer heimlich kurzärmlige Hemden unter ihren Sakkos, wenn das Thermometer über 35 Grad Celsius klettert. Und wahrscheinlich ist es besser so. Ich verstehe das, auch wenn ich es nicht mitmache. Ich habe die Stimme meines Vaters im Ohr, und ich habe hier ein Geschäft zu führen, auch wenn es nur aus einer Kiste, einem Stuhl und einem Hocker besteht. Ich kann da einfach nicht aus meiner Haut, oder meinem Hemd, wie auch immer. Und natürlich habe ich wenig übrig für Flip-Flops und Sandalen. Ich lebe immerhin davon, dass Menschen feste Schuhe anziehen, wobei sie durchaus geflochten sein oder Löcher haben dürfen. Nicht vergessen: Was wir als reine Zierlöcher auf den Brogues kennen, waren einmal Luftlöcher.
Aber den höchsten Respekt habe ich eigentlich vor dem Drummer, einem meiner Lieblingskunden, der bei jedem Wetter als vollständiger Gentlemen durch die Stadt läuft, obwohl er es nicht müsste. Ich nenne ihn hier nur den Drummer, weil es sein könnte, dass man ihn sonst erkennt, wenn ich seinen Namen sage. Er muss sehr bekannt sein in bestimmten Kreisen, denn er spielt das Schlagzeug bei einer Musikkapelle, die überall auf der Welt vor vielen Leuten Auftritt. Ich kann nichts über seine Musik sagen, denn er hat mir zwar einmal eine CD mitgebracht, aber die war fehlerhaft, und ich hatte nie das Herz, es ihm zu sagen. Auf der CD waren nur Geräusche, die sich anhörten, als würde eine dieser elektrischen Schuhpoliermaschinen, wie sie in Hotels neben den Aufzugtüren stehen, mit einem Presslufthammer zerstört. Man konnte auch einen Bauarbeiter schreien hören. Ich kenne den Drummer also nur als Kunden, denn er liebt seine Schuhe. Und er hat viele, schöne Schuhe, so wie er auch eine Menge schöner Anzüge hat. „In meiner Freizeit möchte ich ordentlich angezogen sein“, hat er mir einmal gesagt, als ich ihn fragte, ob er heute noch einen Auftritt habe – er sah wirklich formvollendet aus. „Auf die Bühne gehe ich so nie. Denk an die Karte …“, sagte er, und dann in einer Art Singsang, … the ace of spades, the ace of spades!“ Ein erstaunlicher Mann.








