Sie befinden sich hier: Startseite. News. Kolumne.
Come on, Irene!
Kolumne
Come on, Irene!
Come on, Irene!
Mister Bootblack ist Philosoph mit eigener Meinung. Sein Geld verdient er als Schuhputzer. Für die GDS schreibt er alle 14 Tage über Schuhe. Und über deren Träger.
Ich kannte eine Irene, oh, ja! Wir haben getanzt. Oder besser, ich habe getanzt, sie ist geflogen oder wie auch immer man das nennt, was nur die Mädchen können, die dafür geboren sind. Ich bin kein schlechter Tänzer, da muss mir nichts peinlich sein, aber Irene war nicht einfach nur gut, sie war umwerfend.
Ich musste daran denken, als ich an der Bar des kleinen Hotels hinter dem Times Square stand, in das ich mich selbst ausquartiert hatte, als meine Nachbarschaft evakuiert wurde. „Hurricane Irene“, dachte ich und musste lächeln, denn ich konnte nur an die Irene von damals denken. Es wäre ein guter Spitzname für sie gewesen.
Auf der Straße spielten junge Männer Hockey mit einem Gummiball. Der Wind peitschte und der Regen kam mit einer Macht, die selbst New Yorks Mutigste nicht hinkriegten, unsere Feuerwehr, wenn sie mit allen Schläuchen gleichzeitig einen Eimer füllen würden. Die Hockeyspieler lachten und droschen den Ball durch den Vorhang aus Wasser ins Ungewisse, ein Team in durchnässten weißen Trikots, das andere gleich ohne Hemd. Lebensfreude im Angesicht des Sturmes. Oh, ja, mir hat das gut gefallen. Ich mochte es immer gern ein bisschen stürmisch, vielleicht auch, weil ich selbst so ruhig bin.
Natürlich war Irene gefährlich, Irene der Sturm, und sie hat viele Menschen entlang der Küste erschlagen mit den Bäumen und Dachziegeln, die sie herumgeschleudert hat. Jeder einzelne Fall ist tragisch. Aber bei aller Trauer darüber liebe ich die Art, wie die Menschen zusammenrücken, den Rücken durchdrücken und sagen „hey, wenn du denkst, du könntest uns Angst machen, dann gib mal dein Härtestes. Es ist ein hartes Leben, und wir sind bereit, das durchzustehen.“
Für mich ist das die einzige Haltung. Es ist elegant. Man bindet sich morgens einen Schlips um, poliert noch einmal über seine Schuhe, macht sich grade und denkt „so, bewerft mich mit allem, was ihr habt. Ich bin hier.“ Und wenn man Irene ist, die Frau aus der längst vergangenen Zeit, dann haben die Schuhe hohe Absätze und sagen zu allem anderen auch noch das: „Niemand kann mich davon abhalten, jede Minute zu genießen. Es mag stürmisch werden, aber ich werde tanzen gehen.“
Ich stellte mich mit einem anderen Gast in den wackelnden Windfang. Unser Hotel war längst nicht mehr in der obersten Klasse, seine besten Tage waren vorüber, und es gab keinen Raum, in dem man eine Zigarre hätte anzünden dürfen. Aber bei diesem Wetter würde das NYPD Besseres zu tun haben, als uns davon abzuhalten, uns zur Beruhigung ein bisschen zu vergiften. Wir stand in dem klappernden Verschlag und sahen dem verrückten Spiel auf der Straße zu, dem Spiel der nassen Männer mit dem Ball, dem Spiel des Sturmes mit der Stadt und dem Spiel der wunderbaren Bewohner dieser wunderbaren Stadt mit dem Leben an sich. „Manchmal muss man es fühlen, oder?“, sagte die Dame in meinem Alter, die neben mir an ihrer Zigarette zog. Sie trug ein beigefarbenes Kostüm und ein goldenes Armband. Wir passten gut hierher in dieses Hotel, fein, wenn auch nicht reich. Sie zeigte auf meinen Anzug, den ich schon hatte, als ich noch mit Irene tanzen ging und sagte. „Man zieht sich schließlich an, um etwas zu erleben, oder nicht?“ Ich wusste, was sie meinte. Ich zog noch einmal an meiner Zigarre, nickte ihr zu und öffnete die Tür. Wind und Regen schlugen uns ins Gesicht, als wir heraustraten ins Leben.








