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Wiesn
Kolumne
Wiesn
Mister Bootblack ist Philosoph mit eigener Meinung. Sein Geld verdient er als Schuhputzer. Für die GDS schreibt er alle 14 Tage über Schuhe. Und über deren Träger.
Andrea hat mich mitgenommen zum Oktoberfest, und es war eine Erfahrung, so viel steht fest. Die Kellnerinnen im Bierhaus an der dritten Avenue trugen diese bunten Kleider, die breite Hüften machen und ein Dekolltee wie den Balkon des Rathauses, auf dem die Yankees irgendwann einmal ihren Pokal der Stadt präsentieren könnten – wenn sie denn irgendwann einmal einen gewinnen würden. Andrea sagt, auf dem Oktoberfest in Bayern, in der Nähe von München an einem Ort namens Wiesn, hätten alle Frauen solche Kleider an, was ich mir nicht vorstellen kann, aber ich verstehe den Appeal. Sie sehen darin aus wie Äpfel, und jeder mag Äpfel. Neben mir tranken zwei Männer Bier aus riesigen Gläsern, eigentlich mehr Eimer als Gläser, und die Musik war so als sollten Soldaten dazu tanzen. Eine Art Polka. Ich weiß nicht, ob solche Musik jemals außerhalb von Bierhäusern gespielt wird, aber ich hoffe eigentlich, dass sie es nicht wird. Es war merkwürdig, aber auf eine Art auch wunderbar. Die Wurst war gut, eine – glaube ich – echte deutsche Wurst vom Grill, und ein paar Männer hatten eine Art enge Knickerbockers aus grobem Leder an, mit Kniestrümpfen und festen Schuhen. Die Kleider, sagt Andrea, sind die Kleider der Bauern, jedenfalls der Bauern früher in Bayern, oder zumindest in Wiesn. Und das ist eine großartige Idee. Ich kenne nur zwei Arten Mode, die ich verstehe, und dies ist eine dritte.
Wir haben gelernt, zumindest wir Männer, uns an dem zu orientieren, was fein ist. Alles beginnt mit dem Anzug, und je formaler Männermode wird, je feiner, umso mehr verdeckt sie alle die Stellen, an denen der Mensch auseinander fällt, an der die Arbeit sichtbar wird. Die Krawatte verdeckt die Knopfleiste, und von da geht es aufwärts bis zum Smoking, bei dem es an Hemd und Jacke keine Knopfleiste mehr gibt, und wo selbst der Knopf der Hose durch den Kummerbund verdeckt wird. Das ist der Beginn aller Mode, zumindest der für Männer: Die menschliche Unzulänglichkeit wird verdeckt. Die einzige andere Grundrichtung, die es seither gegeben hat, ist in den siebziger und achtziger Jahren unten in einem Club an der Bowery. Die jungen Leute damals zerrissen ihre Klamotten und flickten sie dann mit Sicherheitsnadeln, rasierten sich verrückte Muster in die Haare und nannten sich selbst „Müll“ – Punk. Alles andere, was in der Mode zumindest der Männer passiert ist, sind immer nur Variationen dieser beiden Themen. Außer offensichtlich in diesem kleinen deutschen Ort namens Wiesn: Die Mode der Bauern zu feiern, also quasi aus dem Büro zu kommen und sich die Kleider derjenigen vom Land anzuziehen, ist doch ein Symbol.
Andrea verstand nicht, was ich da sagte. Sie meinte, es wäre nur eine Tradition. So wie ein Weihnachtsbaum. Aber ich kann mir das nicht vorstellen. Vielleicht beantrage ich doch auf meine alten Tage nochmal einen Pass und fahre hin, um mir das anzusehen. Ich meine: die Apfelfrauen sehen wirklich sehr gut aus, und irgendetwas hat sogar die fürchterliche Musik – spätestens, wenn man zwei Eimer von diesem wirklich guten Bier getrunken hat.








