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Die Sprache der Schuhe
Kolumne
Die Sprache der Schuhe
Mister Bootblack ist Philosoph mit eigener Meinung. Sein Geld verdient er als Schuhputzer. Für die GDS schreibt er alle 14 Tage über Schuhe. Und über deren Träger.
„Hey, sie sind Mister Bootblack!“ Ich kannte den Mann nicht, auch seine Frau nicht. Er trug eine dieser kleinen Kameras um den Hals, deren Zoom-Objektiv so weit ausfährt wie eine Feuerwehrleiter. Beide trugen bequeme Schuhe. Touristen. Und der Mann winkte mit einem Buch. Ich nickte. „ch hoffe, Sie haben einen guten Tag, Sir“, sagte ich, während er aufgeregt auf die Seite tippte. Dann zeigte er es mir. Ich stand drin in seinem Reiseführer. Mein Stand. „Beste Schuhpflege der USA“. Und „hemmungslos altmodisch“. Am schlimmsten sind die Ahnungslosen immer dann, wenn sie es gut meinen. Zum Glück ging in diesem Moment Robert an uns vorbei, in seinen Unterhosen. „Kennen Sie den nackten Cowboy?“, fragte ich und zeigte hinterher. „Oh!“, riefen beide auf einmal, und dann rannten sie ihm nach, während der Mann die Kamera von seiner Schulter nestelte. „Morgen komme ich mit meinen Schuhen vorbei“ rief der Mann mir noch zu. Außer Atem. Wenigstens habe ich noch nicht den Status eines Prominenten.
Man muss Respekt haben vor Robert Burck, dem Naked Cowboy, wenn er bei diesem Wetter auf dem Times Square steht mit nicht viel mehr als seinen Boots, dem Hut und seiner Gitarre bekleidet. Ich muss immer noch grinsen, wenn ich ihn sehe, und die Touristen lieben ihn. Wo sonst als hier in der Hauptstadt der Welt kann ein Mann eine Karriere daraus machen? Er singt und hat Muskeln. Er ist außerdem ein ziemlicher Spinner, und ich möchte nicht darüber nachdenken, dass er behauptete, er würde als Kandidat der Tea Party zur Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr antreten – vor allem deshalb, weil es viel über mein Land sagt, dass das nicht völlig unmöglich erschien. Wo sonst, wenn nicht hier? Wo auffallen schon einen Wert an sich darstellt?
Ich bin mir nicht sicher, wie ich dazu stehe. Ich bewundere Menschen, die auffallen. Nicht immer, aber doch meistens zumindest den Mut, sich ins Rampenlicht zu stellen. Ich selbst kann das nicht. Ich bin einer von denen, die gerne auffallen, aber nicht generell – sondern nur denen, die ganz bestimmte Zeichen verstehen.
Wir leben in einer Welt der Symbole, und das ist in Ordnung. Marken zum Beispiel. Vor allem den Frauen, die an meinem Stand vorbeigehen, ist der Schuh, den sie tragen, oft genauso wichtig wie der Hersteller. Er ist das Symbol im Symbol: Hohe Absätze stehen für selbstbewusste Sexyness, und der Stil steht für die fließende Balance zwischen Klasse und Aufdringlichkeit. Man muss schon tief in die Details einsteigen, um die Unterschiede zwischen einem Paar aktueller Gucci-Pumps zu beschreiben und einem Paar der Dinger, die man in einem Laden für Stripper-Bedarf bekommt. Die Einzelteile sind ähnlich, Absatzhöhen und andere Spezifikationen auch. Aber die Ergebnisse unterscheiden sich wie ein Boeing-Dreamliner im Anflug auf JFK von einem Lenkdrachen am Jersey Shore. Die wichtigen Dinge versteht man nur, wenn man die Sprache spricht, in der sie erzählt werden.
Morgen nehme ich mir einen Tag frei. Nicht, dass ich noch Bewertungen im Internet bekomme. Ich will keine Sehenswürdigkeit werden. Mir reicht es, wenn mich die verstehen, von denen ich verstanden werden will. Verstehen Sie?








