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Die ganze Welt der Schuhe
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Die ganze Welt der Schuhe
World Footwear Congress, BR – Rio de Janeiro
Der gemeinsame Blick in die Zukunft der Schuhindustrie – mit rund 500 Teilnehmern aus 29 Ländern war der 4. World Footwear Congress am 7. und 8. November in Rio de Janeiro ein Erfolg. Im Mittelpunkt der Vorträge und Diskussionen standen neben den wirtschaftlichen Aussichten vor allem die Forderung nach mehr Innovationen und der Streit um Einfuhrzölle.
„Die Schuhbranche sieht sich gegenwärtig weit reichenden Herausforderungen gegenüber. Bewährte Muster in Produktion, Beschaffung und Handel verändern sich in immer höherer Geschwindigkeit, angetrieben vom Wachstum der Schwellenländer, den wirtschaftlichen Problemen der traditionellen Märkte, steigenden Kosten und schwankenden Wechselkursen“, eröffnete Francisco Santos, Gründer und Präsident des Mitveranstalters Couromoda, die Veranstaltung. Dabei sind die Zukunftsaussichten durchaus positiv, wie Unternehmensberater Steve Lee in seinem Vortrag berichtete. Als wichtigste Triebfeder für den steigenden Verbrauch von Schuhen erweist sich das kontinuierliche Bevölkerungswachstum. So wird die Weltbevölkerung auf 8 Mrd. Menschen im Jahr 2024 ansteigen.
Parallel zum Bevölkerungswachstum steigt auch das weltweite Bruttoinlandsprodukt bis 2024 von aktuell 65.000 Mrd. US-Dollar auf 105.000 Mrd. US-Dollar. Zugleich wird die Anzahl der insgesamt produzierten Schuhe steigen. Sind es derzeit rund 20 Mrd. Paar pro Jahr, werden es in 13 Jahren rund 30 Mrd. Paare sein. Daraus folgt, dass der Pro-Kopf-Verbrauch von Schuhen steigt. Aktuell liegt dieser laut Steve Lee bei 3,0 Paar. Im Jahr 2024 werden es 3,7 sein. Der Verbrauch in China steigt von aktuell 2,0 auf 3,5 an und macht somit einen Großteil des Wachstums aus. „Zur Dominanz in der Schuhherstellung und dem Export kommt in den nächsten Jahren eine verstärkte Inlandsnachfrage in China“, so Steve Lee.
Aus der praktischen Sicht eines Schuhherstellers blickte anschließend Peter Geisler in die Zukunft. Der Schwede ist in 5. Generation Präsident des Sicherheitsschuhherstellers Arbesko. „Die Zukunft steckt voller großartiger Möglichkeiten, vor allem in China“, erklärte der studierte Ökonom. Allerdings gelte es, die Abwertung von Schuhen zum Allerweltsgegenstand zu verhindern, der einem Preisunterbietungskampf ausgesetzt wird. „Wir müssen als Industrie deutlich innovativer werden!“ Kreative Konzepte sind aber nicht nur für die Schuhindustrie entscheidend für den künftigen Erfolg, sondern ebenso für den Schuhhandel. Schließlich hätten sich die Einkaufsgewohnheiten der Kunden in den letzten Jahren deutlich gewandelt, wie Thomas Bata, CEO der Bata Group, feststellte: „Die Kunden sind weniger loyal, weniger berechenbar und haben weniger Zeit zur Verfügung als in früheren Zeiten.“ Für den traditionellen Schuhhandel müsse es in erster Linie darum gehen, die Kunden mit Innovation zu begeistern und zu binden. Beispielhaft hat sich diesen Rat William Wong zu Herzen genommen. Unter dem Namen ’Italia Fashion Galleria‘ bietet der Chinese in seinen Stores ausschließlich Schuhe und Accessoires, die in Italien hergestellt werden, und schließt somit die Marktlücke zwischen internationalen Luxusmarken und chinesischen Filialisten aus dem Niedrigpreissegment.
Die dominierende Kraft in der globalen Schuhindustrie ist und bleibt China. Besonders aufmerksam verfolgten die Teilnehmer auf dem World Footwear Congress daher den Auftritt von Zhang Shuhua, Ehrenpräsidentin der China Leather Industries Association. Nach ihren Angaben betrug die Produktion 2010 13 Mrd. Paar im Wert von 33,7 Mrd. US-Dollar. Davon wurden 9,93 Mrd. Paar in 213 Länder exportiert. Allerdings, so die Expertin, unterliege derzeit vor allem die Beschäftigungssituation einem gravierenden Wandel. Es falle den Herstellern zunehmend schwerer, genügend Arbeiter zu finden. In der chinesischen Schuhindustrie arbeiten über 6 Mio. Menschen in mehr als 20.000 Unternehmen. Diese Knappheit habe zu einem Anstieg der Löhne geführt, im Jahr 2010 lag die Steigerung je nach Region zwischen 10 und 20%. Als Reaktion auf diese Entwicklung habe sich die Schuhindustrie weg von den östlichen Küstenregionen, hinein in das Landesinnere bewegt, wo Arbeiter in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen. Der durchschnittliche Arbeitslohn eines Arbeiters liegt im Osten bei 300 US-Dollar pro Monat, im Landesinneren sind es 100 bis 150 US-Dollar pro Monat. Die Ausführungen der Expertin wurden aufmerksam, aber auch kritisch aufgenommen. So wurden wiederholt die künstliche Abwertung der chinesischen Währung sowie die staatliche Unterstützung der Unternehmen als Eingriffe in den fairen Wettbewerb kritisiert.
Vor dem Hintergrund dieser Kritik ergab sich eine breite Diskussion über Zölle und Einfuhrbeschränkungen. So hielt etwa Cleto Sagripanti, Präsident des Verbands der italienischen Schuhhersteller, ein Plädoyer für „faire“ Marktbedingungen und den Wegfall aller Zölle. Zugleich war und ist es jedoch eben der italienische Verband, der auf europäischer Ebene für Strafmaßnahmen auf Schuheinfuhren aus China und Vietnam wirbt – da diese Staaten ihre Unternehmen unzulässiger Weise massiv unterstützen würden. Eine ähnliche Maßnahme wurde auch von Vertretern der mexikanischen und brasilianischen Schuhindustrie gefordert, die ihre einheimische Branche durch China gefährdet sehen. Dagegen vertrat etwa Matt Priest von der amerikanischen Vereinigung der Schuhdistributeure und –händler die gegensätzliche Haltung. Im Sinne der Konsumenten forderte er den Verzicht auf alle Einfuhrbeschränkungen.
Einig waren sich die Teilnehmer jedoch darin, dass in den kommenden Jahren gemeinsame Spielregeln gefunden werden müssten, die von allen respektiert und geteilt werden.
Text: Helge Neumann
Fotos: Helge Neumann
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